Manchmal beginnt eine Recherche nicht mit einem spektakulären Hinweis, sondern mit einem kleinen Detail, das beim Sortieren von Unterlagen plötzlich nicht mehr ins Gesamtbild passen will.
Genau so fing es bei uns an.
Beim Sortieren der Unterlagen fielen unserem Rechercheteam einige Punkte auf, die Fragen aufwarfen. Die ersten Auffälligkeiten wurden genauer überprüft und mit weiteren öffentlich zugänglichen Informationen abgeglichen. Je tiefer wir in die Recherche einstiegen, desto mehr Informationen kamen zusammen.
Dabei ging es unter anderem um die Frage, in welcher Funktion Frau Müller eigentlich tatsächlich für die betreffende Kanzlei tätig war.
Denn während sie nach den uns vorliegenden Informationen beziehungsweise ihrer öffentlichen Darstellung den Eindruck vermittelte, die Kanzlei übernommen zu haben beziehungsweise als deren Inhaberin aufzutreten, ergaben sich an anderer Stelle ganz andere Hinweise.
Und spätestens an diesem Punkt hatten wir dieses Gefühl, das man bei einer Recherche nicht ignorieren sollte:
Irgendwas passt hier nicht zusammen.
Also beschlossen wir, nicht nur vor dem Bildschirm sitzen zu bleiben.
Außendienst statt Schreibtisch
Da die Adresse der Kanzlei bereits vorlag und sich die Gelegenheit für eine Überprüfung vor Ort ergab, machten Vicy und ich uns direkt auf den Weg.
Man könnte sagen: Wir gingen dem Ganzen auf die Spur.
Wir wollten selbst sehen, was dort tatsächlich zu finden war – und das, was wir vorfanden, entsprechend dokumentieren.
Schon bei der Beschilderung wurde es interessant.
Bei dem Hinweis auf Frau Müller waren die Öffnungszeiten nicht mehr vorhanden beziehungsweise durchgestrichen. Das allein wäre noch kein Beweis für irgendetwas gewesen.
Doch dann fiel unser Blick auf eine andere Tafel.
Dort wurde Frau Müller als Angestellte einer anderen Kanzlei geführt.
Wenn Frau Müller die Kanzlei tatsächlich übernommen haben sollte – warum wurde sie dann vor Ort als Angestellte geführt?
Für uns war das ein erheblicher Widerspruch.
Also fuhren wir nach oben und sahen uns die Situation genauer an. Natürlich wurde fotografiert. Die Bilder wurden anschließend an das Rechercheteam weitergeleitet.
Nach gemeinsamer Rücksprache wurde unser ohnehin schon merkwürdiges Gefühl nicht gerade kleiner.
Im Gegenteil.
Der Anruf, der neue Fragen aufwarf
Wir wollten es nicht bei den Schildern und unseren eigenen Beobachtungen belassen.
Also rief ich bei der Kanzlei an.
Und dann kam der nächste Moment, bei dem ich kurz dachte:
Moment mal …
Denn am anderen Ende meldete sich nicht Frau Müller.
Es meldete sich ihre Chefin.
Wenn Frau Müller die Kanzlei tatsächlich übernommen haben sollte – warum war dann weiterhin ihre bisherige Chefin diejenige, die dort ans Telefon ging?
Wir hatten damit keine endgültige Antwort.
Aber wir hatten neue Fragen.
Denn unser Außendienst hatte eines ziemlich deutlich gemacht:
Was auf Papier, im Internet und an einem Kanzleigebäude dargestellt wird, sollte eigentlich ein zusammenhängendes Bild ergeben.
Bei uns ergab sich jedoch zunehmend ein anderes Bild.
Mehrere Angaben. Mehrere Rollen. Mehrere Darstellungen.
Und plötzlich stellte sich nicht mehr nur die Frage, was auf einem Klingelschild steht.
Sondern:
Warum?
Warum existieren diese unterschiedlichen Darstellungen?
Welche davon entspricht der tatsächlichen rechtlichen und organisatorischen Situation?
Und warum entsteht für Außenstehende – insbesondere für diejenigen, die sich auf die Angaben in gerichtlichen Verfahren verlassen müssen – ein derart widersprüchliches Bild?
Unsere Fotos vom Außeneinsatz waren dabei nur ein Teil des Puzzles.
Aber manchmal reicht ein kleines Puzzleteil, um zu erkennen, dass man das gesamte Bild noch einmal genauer betrachten sollte.
Und dann kamen neue Informationen
Während unsere Recherche weiterlief, erreichten uns neue Informationen, die weitere Fragen aufwarfen.
Frau Müller ist inzwischen auch im Zusammenhang mit einem Verfahren vor dem Oberlandesgericht in Erscheinung getreten. Dem gingen nach unseren bisherigen Informationen bereits Vorgänge beziehungsweise Entscheidungen im Zusammenhang mit ihrer Vereinsführung und dabei thematisierten rechtlichen Verstößen voraus.
Auch diese neue Entwicklung wollen wir nicht einfach als Randnotiz stehen lassen.
Denn sie wirft weitere Fragen auf:
Wie ist die aktuelle Entwicklung mit den bisherigen Vorgängen und Entscheidungen in Einklang zu bringen? Welche Rolle spielt Frau Müller in dem aktuellen Verfahren? Und wie lassen sich die unterschiedlichen Angaben zu ihrer beruflichen Stellung erklären?
Wir wollen dabei nicht spekulieren.
Wir wollen Antworten.
Deshalb haben wir eine Presseanfrage vorbereitet, mit der wir die offenen Fragen direkt an die zuständigen Stellen und Betroffenen richten werden.
Wir werden die Antworten dokumentieren – aber selbstverständlich auch festhalten, wenn Fragen unbeantwortet bleiben.
Sobald neue Informationen, Antworten oder eben auch keine Antworten vorliegen, halten wir euch über den weiteren Verlauf dieser Recherche auf dem Laufenden.
Denn eines ist inzwischen klar:
Die Geschichte endet nicht am Klingelschild.
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